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Muttertagsblumen

Jeden Abend singe ich unserem Sohn vor: „Der Mond ist aufgegangen“, „Wer hat die schönsten Schäfchen“, „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“… die ganze Palette der Klassiker. Nur Brahms „Guten Abend, gute Nacht“ kam mir bisher nicht über die Lippen – schließlich wünsche ich meinem Kleinen nicht, „mit Näglein besteckt“ zu werden. Was haben sich Brentano und Arnim mit dieser Textszeile nur gedacht? 

Nagelblume, Nägelein, Nägelchenbaum… hinter diesen volkstümlichen Namen verbirgt sich Syringa vulgaris, der Gewöhnliche Flieder. Bereits im 10. Jahrhundert von den Mauren in Spanien eingeführt, brachte ein österreichischer Gesandter den Strauch 1565 von einer Balkan-Reise mit an den Wiener Hof. Dieser 2. Import erwies sich für den Flieder als Glücksfall: Da die Gartenbauer der Renaissance kaum noch nach Gesichtspunkten der Nützlichkeit planten, sondern Pflanzen passend zum Stil der Lustschlösser möglichst sinnesfroh arrangierten, kam ihnen der üppig blühende Strauch gerade recht – der Siegeszug des Flieders durch die mitteleuropäischen Gärten begann.

Kurz vor der Jahrtausendwende erschien der Angehörige der Ölbaumgewächse vielen Gartengestaltern jedoch als altbacken – der bäuerliche Charme des Flieders passte nicht mehr zu den blendend weißen Kieswegen und geradlinigen Beeten moderner Anlagen. Erst dank einer Reihe neuer Züchtungen hat der Strauch wieder an Aufmerksamkeit gewonnen – Edel-Flieder-Sorten, deren Blüten zweifarbig wirken und die sich auch einstämmig zu kleinen Bäumen kultivieren lassen, sind auf dem Vormarsch.

Kreuzungen wie „Minuet“ und „Redwine“ haben mit der kleinwüchsigen Wildform der Pflanze optisch also nicht mehr viel gemein. Durchsetzen konnte sich ihre osmanische Herkunft aber zumindest in der Sprache: Da es für die hellviolette Blütenfarbe im deutschsprachigen Raum noch keine Bezeichnung gab, wurde aus dem türkischen Artnamen „lilac“ unser „lila“. Bei der Benennung des Strauches selbst kam es allerdings zu mehr oder weniger heftigen Verwirrungen – schon vor seinem Import wurde nämlich der Schwarze Holunder als Flieder bezeichnet. Da sich diese Doppelung besonders in Norddeutschland hartnäckig hält, müssen alle schriftlichen Informationen über den Flieder genau hinterfragt werden – weiß man doch nie, von welchem Gewächs nun die Rede ist.

Rein äußerlich sind die beiden Pflanzen kaum zu verwechseln – die herzförmigen Blätter und kolbenartigen Blütendolden von Syringa vulgaris sind einfach zu markant. Ebenso unverkennbar erscheint unseren Nasen der intensive Duft des Flieders, dessen Lieblichkeit jedoch trügt: Der gesamte Strauch schmeckt ausnehmend bitter, so dass er kaum von pflanzenfressenden Säugetieren oder Insekten heimgesucht wird. Auch sein Holz stellt der bis zu 6m hohe Busch nur widerwillig zur Verfügung: Da er in der Regel drehwüchsig gedeiht, sind größere Stücke selten. Hinzu kommt eine ausgeprägte Tendenz, bei der Trocknung zu reißen. Die letztlich gewonnenen Hölzer belohnen den Geduldigen jedoch durch eine interessante Flammung und einen zarten Duft; aufgrund ihrer Härte und guten Polierbarkeit lassen sie sich für exotisch anmutende Einlege- oder Drechselarbeiten verwenden.

Der Flieder also als attraktive Zicke? Im Grunde nicht, denn der winterharte Strauch zeigt sich als äußerst pflegeleicht und kommt – einmal eingewachsen – selbst in trockenen Sommern ohne Bewässerung aus. Sein ausgreifendes Wurzelwerk macht ihn windfest und ermöglicht ihm darüber hinaus ein Wachstum ein steinigen Hängen. Durch die Ausbildung von Ausläufern vermehrt der Flieder sich relativ rasch selbst; die Schösslinge können problemlos ausgegraben und umgesetzt werden.

Und auch die Bitterkeit hat ihr Gutes, wirken die sie verursachenden Stoffe doch gleichzeitig als Heilmittel gegen Fieber und Verdauungsprobleme. Neben der Zubereitung entsprechender Tees aus Rinde, Blättern oder Blüten kann man die Pflanzenteile auch zur Bereitung eines Bades nutzen, das rheumatische Beschwerden lindern soll. Vielleicht ist es also doch nicht so schlecht, einmal mit „Näglein besteckt“ oder zumindest eingerieben zu werden – der sich dabei entwickelnde Duft bereitet bestimmt süße Träume.

 

Sabine Meisel

Naturförderungsgesellschaft Ökologische Station

Borna-Birkenhain e. V.

 

 

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