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Wo der Hase läuft

Thierbaum (Bad Lausick): 300m Feldweg schlagen Spaziergänger in ihren Bann. „Ich bin extra noch einmal hergekommen“, erzählt eine Dame, „der Anblick ist einfach zu schön!“ Was die Stehenbleibenden so sehr fesselt? Ein simpler Ackerrandstreifen.

Pflügen muss sein – Ackerwildkräuter sind als echte Kulturfolger an den Rhythmus der Bodenbearbeitung angepasst. Ohne das jährliche Umgraben können ihre Samen auf Dauer nicht Fuß fassen (Foto: Frank Meisel).
Pflügen muss sein – Ackerwildkräuter sind als echte Kulturfolger an den Rhythmus der Bodenbearbeitung angepasst. Ohne das jährliche Umgraben können ihre Samen auf Dauer nicht Fuß fassen (Foto: Frank Meisel).

 

Vor 100 Jahren gehörten sie noch zum gewohnten Landschaftsbild: bunte Getreidefelder mit Mohn- und Kornblumen, Labkraut, Salbei, Kerbel, Bocksbart und Wilder Möhre. Durch den Einsatz von Herbiziden und Kunstdünger stehen jedoch heute fast die Hälfte aller Ackerwildkräuter auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Pflanzenarten. Während man den Verlust für das menschliche Auge vielleicht noch verschmerzen kann, führt dieser Wandel im Tierreich zu erheblichen Beeinträchtigungen: Im Schnitt sind vom Verschwinden jedes Ackerwildkrauts 12 von ihm abhängige pflanzenfressende oder blütensuchende Tierarten betroffen. Da diese wiederum Fleischfressern als Futter dienen, sind die Folgen weitreichender als zunächst offensichtlich.

Beispiel Hase: Als wahrer Gourmet schätzt der flinke Läufer einen abwechslungsreichen Speiseplan, zu dem neben Feldfrüchten, Knospen und Rinde eben auch mehr als 40 verschiedene Kräuter und Gräser gehören. Fehlen bestimmte Wildpflanzen, muss der Feinschmecker sich mit minderwertiger Ersatznahrung begnügen, was zu Mangelerscheinungen bei den Tieren führen kann. Die sogenannte Hasenapotheke wächst allerdings ausschließlich auf extensiv genutzten Feldern oder ungespritzten Ackerrandstreifen – den „All-inclusive“-Hotels für Meister Lampe. Denn neben dem reichhaltigen Nahrungsangebot findet er hier einen geschützten Raum für seine Sassen. Legt das Langohr seine Mulden hingegen direkt im monokulturell bewirtschafteten Feld an, droht ihm nicht nur der Tod durch Pflug oder Mähdrescher, sondern auch ein Verlust seiner Verstecke: Mit der Ernte verschwinden seine Äsungsflächen, so dass er auf der Suche nach neuen Futterquellen kahles Gelände überqueren muss. Ein Anblick, bei dem dem Fuchs das Wasser im Munde zusammen läuft…

Ackerrandstreifen bieten jedoch Deckung und tragen gemeinsam mit Hecken und Feldgehölzen zum Biotopverbund bei: Wie ein geheimes Wegenetz erlauben sie Rebhuhn, Eidechse und Co. ungesehen zwischen Schlaf-, Brut- und Nahrungshabitaten hin- und herzuwandern. Bodenbrüter wie Schafstelze oder Lerche finden hier Nistmöglichkeiten; feuchtigkeitliebende Tiere wie Frösche oder Kröten schattige Rastplätze.

 

Und auch der Mensch profitiert von den abwechslungsreichen Grünstreifen, da sie zum Schutz der Böden beitragen: Durch die ganzjährige Begrünung und die im Vergleich zum Weizenfeld doppelt so hohe Anzahl an Regenwurmröhren kann ein Quadratmeter naturbelassener Ackerrand wesentlich mehr Wasser als ein gleichgroßes Stück Feld aufnehmen und so – besonders in Gewässernähe – Überflutungen entschärfen. Indem sie an Hängen den Abfluss wertvollen Mutterbodens stoppen, sind die krautig bewachsenen Areale darüber hinaus ein wirksames Mittel im Kampf gegen Schlammlawinen.

Kein Wunder also, dass die meisten Bundesländer „Ackerrandstreifenprogramme“ aufgelegt haben, die die Umwandlung intensiv genutzter Felder in entsprechende Flächen finanziell unterstützen. Die Nachfrage nach einer solchen Förderung ist jedoch regional sehr unterschiedlich – zu viel Papierkram schreckt so manchen willigen Landwirt ab.

Eine letzte Chance für die Ackerwildkräuter stellen daher vielleicht die Laboratorien der Industrie dar: Als Stammformen von Kultur- und Zierpflanzen wie Feldsalat und Garten-Margerite dienen sie dort als Ausgangsmaterial für die Züchtung neuer Arten. Rettung für Kornrade, Esparsette, Leimkraut und Wiesen-Pippau also durch Reagenzgläser in der Gen-Datenbank? Sicher eine Möglichkeit, aber bei Weitem nicht die Schönste.

 

 

Sabine Meisel

Naturförderungsgesellschaft Ökologische Station Borna-Birkenhain e. V.

 

 

 

 

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