Käfer im Glück
Mufferküpchen, Brautmaneke, Leußfresser, Himmelmietzchen... mehr als 1500 Bezeichnungen kennt man im deutschsprachigen Raum für den Marienkäfer. Sein kräftiges Rot und seine Krabbelfreude auf der menschlichen Haut machen das „Motschekiebchen" bei Kindern ebenso beliebt wie bei Erwachsenen, die ihn darüber hinaus als fleißigen Gartenhelfer zu schätzen wissen.
 - Die Zehnpunkte gehören zu den rund 70 in Deutschland vorkommenden Motschekiebchen-Arten.
Marienkäfer feiern meist nur einmal Geburtstag - die Anzahl ihrer Punkte sagt also nichts über ihr Alter aus. Eine Zählung lohnt sich mehr im Hinblick auf die Bestimmung der jeweiligen Käferart: Den in Deutschland häufigen Siebenpunkt kann man so relativ leicht aus den 5200 weltweit vorkommenden Marienkäferarten herausfiltern. Die modebewusste Motschekiebchen-Familie zeigt sich international allerdings nicht nur einseitig im rot-schwarzen Kostüm, sondern präsentiert auch braune, gelbe, schwarze, orange oder rosafarbene Mäntel mit bis zu 24 Tupfen. Diese auffällige Musterung signalisiert potentiellen Feinden Giftigkeit. Zusätzlich sondern viele Marienkäferarten bei Gefahr aus ihren Kniekehlen ein übelriechendes Sekret ab, das den Angreifern den Appetit restlos verderben soll. Gegen die uns Menschen besonders perfide erscheinende Attacke der Brackwespe hilft diese Taktik dem Glückstierchen allerdings wenig. Jene nämlich schiebt dem deutlich größeren Marienkäfer in einen unbeobachteten Moment ein Ei unter die Deckflügel. Die daraus schlüpfende Larve frisst sich langsam aber sicher durch ihren Wirt hindurch, bis sie - zum Teil erst nach einer gemeinsamen Überwinterung - ein lebenswichtiges Organ anknabbert und den Käfer tötet. Anschließend nutzt sie die leblose Hülle, um sich darunter zu verpuppen.
 - Unter den harten Deckflügeln versteckt der Marienkäfer seine filigranen Hautflügel.
Das „arme" Motschekiebchen kann seinerseits aber kaum als Unschuld vom Lande auftreten. Unter anderem wurde nämlich festgestellt, dass Marienkäfer aufgrund häufiger Partnerwechsel besonders oft an Geschlechtskrankheiten leiden. Im Gegenzug nehmen sich die Männchen für ihre jeweilige Gespielin wenigstens ausreichend Zeit: Eine Kopulation kann bis zu 18 Stunden dauern. Glaubt man den Beobachtungen einer englischen Studie, kann diese Zuwendung allerdings nicht von großer Zärtlichkeit sein: Starb die Partnerin im Verlauf des Geschlechtsakts, wurde dies von den männlichen Käfern zum Teil überhaupt nicht bemerkt. Nach geglückter Befruchtung legt das Weibchen seine Eier portionsweise in der Nähe von Blattlauskolonien ab. Die geschlüpften Larven tasten dann die Wirtspflanzen systematisch von unten nach oben ab, um alle Leckerbissen zu erwischen. Bis zu ihrer Verpuppung vertilgen sie etwa 500 Läuse; als voll ausgereiftes Insekt verspeisen Siebenpunkte weitere 100 Läuse pro Tag.
 - Aufgrund seiner Nützlichkeit für die Landwirtschaft hielten die Bauern den Marienkäfer für ein Geschenk der Mutter Gottes.
Kein Wunder also, dass der Marienkäfer den Menschen als Nützling gilt. Jetzt im Herbst können wir es den Tierchen vergelten: Wenn die Tage kürzer werden, kommen viele von ihnen ins Haus, um sich ein gemütliches Plätzchen für die Winterstarre zu suchen. Da der Siebenpunkt in großen Gruppen, sogenannten Aggregationen, überwintert, kann dies – vor allem zwischen Doppelfenstern – manchmal lästig werden. Doch keine Angst: Zahlen wie in Kalifornien, wo 42 Millionen Marienkäfer an einem Überwinterungsplatz gesichtet wurden, sind in Wohnhäusern noch nicht einmal annährend erreicht worden. Betrachten Sie die kleinen Ansammlungen einfach als ein Häufchen Glück.
Sabine Meisel
NFG Ökologische Station Borna-Birkenhain e.V.
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