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Rabeneltern?

Faszination und Furcht – Rabenvögel haben über Jahrhunderte beides bei den Menschen ausgelöst. Als Hexenbegleiter und Schädling der Landwirtschaft verschrien, wurde der heimische Kolkrabe rücksichtslos bejagt, so dass er 1940 in vielen Teilen Europas als ausgerottet galt. Doch welche Gerüchte rund um den kohlrabenschwarzen Flugkünstler stimmen wirklich?

Kolkrabe
Kolkrabe

Mit stolzen 1,2kg Gewicht und einer Flügelspannweite von bis zu 1,40m gilt der Kolkrabe als weltweit größter Singvogel. Wenn man über die Melodik seines Gesangs auch streiten mag, so lässt sich doch nicht leugnen, dass er über eine ungeheure Bandbreite an Lautäußerungen verfügt: Was Laien als „Krächzen, Grunzen, Sirren, Knarren und Rülpsen“ bezeichnen, unterscheidet der Ornithologe in mindestens 34 verschiedene Ruftypen. Aufgrund ihres besonders gut ausgestatteten Stimmorgans, der Syrinx, gelingt es Kolkraben außerdem, Umgebungsgeräusche wie das Gezwitscher anderer Vögel, aber auch Hundegebell oder Verkehrslärm zu imitieren; in Gefangenschaft lernen sie besser als die meisten Papageien, menschliche Sprache nachzuahmen. Zu Recht trägt der Kolkrabe also den wissenschaftlichen Namen Corvus corax -  in Anlehnung an den altgriechischen Redner Corax von Syrakus.

„Corvus“ hingegen bedeutet auf lateinisch „Krächzer“ und verweist auf die seherischen Kräfte, die  die Römer dem Raben zusprachen. In der germanischen Mythologie spielen die Vögel als Begleiter des Gottes Wotan eine Rolle: Hugin und Munin fliegen für ihn über das Land, um Neuigkeiten zu sammeln. Als Zeichen der Ehrfurcht gegenüber der Gottheit überließen unsere Vorfahren folglich die Gefallenen einer Schlacht den Raben. Ihre damit angesprochene Vorliebe für Aas brachte den schwarzen Gesellen außerdem die Bezeichnung „Galgenvögel“ ein: Mittelalterliche Richtplätze konnten ihnen – so makaber das klingen mag – nur als Schlaraffenland erscheinen. Heutzutage haben Raben zum Ärger vieler Jäger gelernt, schon auf erste Gewehrschüsse mit Annäherung zu reagieren; auch Wolfsgeheul lässt sie auf der Suche nach Aas herbeifliegen.

Dabei ist der Kolkrabe eigentlich ein Allesfresser mit einer enormen Vielfalt an Nahrungsbeschaffungsstrategien. Im Suchflug über der offenen Landschaft oder von einer Warte aus hält er nach Körnern, Früchten und Tieren, die er überwältigen kann, Ausschau. Bei der Fußjagd am Strand, auf Äckern oder Mülldeponien werden Erde oder pflanzliche Materialien zur Seite geräumt, zum Vorschein kommende potentielle Nahrungsteile mit dem Schnabel untersucht und – wenn möglich – verspeist. Muscheln oder Schnecken knackt der intelligente Vogel, indem er sie auf felsigen Untergrund schleudert. In Viehherden kann man Raben beobachten, die Kälbern in die Hinterbeine zwicken: Da Kühe nach längerem Ruhen Kot absetzen, provozieren die Störenfriede so das Fallenlassen eines Fladens, den sie anschließend nach Fressbarem durchwühlen. An Steilküsten betätigen sich Raben außerdem häufig als Nesträuber: Sie bewerfen brütende Möwen mit Grasbüscheln, um sie von ihrem Gelege zu vertreiben. Besteht ein Überangebot an Nahrung, verstecken Kolkraben Vorräte auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern. Sie decken die Beute mit Gras ab und achten dabei genau darauf, nicht von einem Konkurrent beobachtet zu werden.

Kolkraben leben in strenger Monogamie, nur wenn einer der „Eheleute“ stirbt, wird aus einer Art Reservetrupp von jüngeren, nicht brütenden Artgenossen ein neuer Partner rekrutiert. Einmal im Jahr ziehen sie vier bis sechs Junge auf, wobei sich die Mutter sorgfältig um den Nachwuchs kümmert: Beginnt ein Küken mit dem Ausschlüpfen, wird das Ei so gewendet, dass das Kleine es möglichst leicht hat. Nach einigen Tagen badet die Mutter ihre Brut, indem sie sich ins Wasser legt und dann triefend zum Nest zurückfliegt. Auch das Futter wird eingeweicht, damit die Jungen es leichter schlucken können. Für eine stets angenehme Temperatur sorgt die Rabenmama durch das Umlagern der Neststoffe; bei starkem Sonnenschein stellt sie sich mit ausgebreiteten Flügeln auf den Horstrand, um Schatten zu spenden. Von „Rabeneltern“ kann also keine Rede sein.

 

Sabine Meisel

NFG Ökologische Station Borna-Birkenhain e.V.

 

 

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