O Tannenbaum
Wussten Sie, dass das Aufstellen des Christbaums jährlich in zig tausend Haushalten zu einem kräftigen Advents-Ehekrach führt? Größe, Wuchs, Nadelbeschaffenheit… Kaum kehrt das Familienoberhaupt mit stolz geschwellter Brust von der vorweihnachtlichen Baumjagd zurück, finden die Daheimgebliebenen mit Sicherheit etwas an dem erbeuteten Prunkstück auszusetzen. Vielleicht hilft eine frühzeitige Auseinandersetzung mit den potentiellen Kandidaten, die Situation ein wenig zu entschärfen.
Weihnachtsbaumplantagen gibt es viele. Soll es jedoch einmal ein Christbaum direkt aus dem Wald sein, fällt der Blick auf die in unserer Region heimischen Nadelträger. Dabei wird zu allererst offensichtlich, dass der vielbesungene echte „Tannenbaum“ nicht mehr allzu häufig zu finden ist: Aufgrund der anhaltenden Luftverschmutzung sind die Bestände der Weißtanne in den letzten hundert Jahren deutlich geschrumpft. Auch die Ausrottung von Wolf und Luchs hat zu dieser Entwicklung beigetragen: Die damit einhergehende Vermehrung von Hirschen und Rehen brachte die verbissempfindliche Abies alba vielerorts an den Rand des Aussterbens.
Dabei gehört die Weißtanne mit einer Höhe von bis zu 60m zu den mächtigsten heimischen Waldbäumen. Der oft zitierte „dunkle Tann“ resultiert aus der seitlich gescheitelten und damit besonders dichten Anordnung der Nadeln. Jene wiederum haben keine Spitzen und halten sich lange am Zweig, was die Tanne bei Menschen mit zarten Fingern und einem ausgeprägten Ordnungssinn beliebt macht.
 - Einfach zu unterscheiden: Während der Tannenzapfen aufrecht steht, hängt der Fichtenzapfen vom Ast herunter.
Um ein Vielfaches kratzbürstiger präsentiert sich Picea abies – die Gemeine Fichte. Ihre Äste sind vergleichsweise dünn und damit für schweren Baumschmuck kaum geeignet, auch die Nadeln fallen schon deutlich früher ab, als es bei ihrer edlen Verwandten der Fall ist. Im Gegenzug kostet eine Weihnachts-Fichte aber auch einiges weniger. Da sie ihre Zweige in Erwartung von Sonnenschein hebt und vor einem Regenschauer senkt, kann der kreative Bastler die Fichte zudem nach dem Christfest als Wetterweiser verwenden: Ein kurzes, geschältes Stammstück mit einem ca. 30cm langen Ast und aufgebrachten Markierungen soll ein recht zuverlässiges Natur-Barometer abgeben.
Mit knapp einem Drittel Anteil am deutschen Wald ist die Fichte überall zu haben. Diese hohe Verbreitung resultiert aus ihrer Schnellwüchsigkeit: Aufgrund der Möglichkeit, Fichten schon recht jung zu schlagen und vielseitig zu verwenden, galten sie lange Zeit als Allheilmittel der Wiederaufforstung und wurden auch an Standorten gepflanzt, die nicht ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet entsprachen. Der Spruch „Willst du deinen Wald vernichten, pflanze Fichten, nichts als Fichten“ dokumentiert, dass dabei jedoch oft zu kurz gedacht wurde: Fichtenmonokulturen erwiesen sich als besonders anfällig für Windbruch und Borkenkäferbefall. In vielen Wäldern, beispielsweise dem Colditzer Forst, werden die Bestände deshalb heute mehr und mehr auf ein natürliches Maß zurückgebaut.
Auf eine ähnliche Geschichte kann die Waldkiefer zurückblicken. Als Weihnachtsbaum erscheint sie rustikal, aber mit eigenem Charme und langer Haltbarkeit; der adventlich-würzige Kiefernnadelduft ist im günstigen Preis inbegriffen. Wenn ihre reiche Harzbildung dem einen oder anderen in der guten Stube auch lästig erscheinen mag, ist doch genau dies eine der Eigenschaften, für die Pinus sylvestris bis in die 90er-Jahre besonders geschätzt wurde. Spaltete man schon im Mittelalter harzige Hölzer vom Kieferstamm ab, um sie als Kienspäne anstelle von Lampen oder Fackeln zu benutzen, wurde der Baum seit dem ersten Weltkrieg im großen Stil angezapft. Noch heute kann man in der Rinde vieler Föhren die fischgrätartigen Schnitte erkennen, aus denen das Harz für die Herstellung von Terpentin gewonnen wurde.
Ob nun Waldkiefer, Gemeine Fichte, Weißtanne oder einer der nicht heimischen Nadelbäume wie Nordmanntanne, Douglasie oder Blaufichte… wenn wir ehrlich sind, wird doch selbst der krummste Weihnachtsbaum am Heiligen Abend schön. Seien Sie also nicht zu streng zueinander, wenn es um den erstandenen Christbaum geht: So lange es sich nicht um eine Lärche handelt, kann eigentlich nichts schief gehen. In diesem Sinne wünscht Ihnen die Naturförderungsgesellschaft/ Ökologische Station Borna-Birkenhain eine schöne Adventszeit.
Sabine Meisel
NFG Ökologische Station Borna-Birkenhain e.V.
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