Es ist oft Unwissenheit und keine Bösartigkeit

Beitrag der Leipziger Volkszeitung vom 30.08.2016

Katharina Wollschläger (29) und Tina Kopetzky (26) sind in der Ökologischen Station Borna-Birkenhain unter anderem für den Fledermaus-Schutz zuständig, zum Beispiel bei Gebäudesanierung und Abriss von Häusern. Im Interview erklären sie, was sie da tun – und warum.
Wie kamen Sie dazu, Fledermäuse zu schützen?
Tina Kopetzky: Während meines Biologie-Studiums habe ich schnell gemerkt, dass ich nicht im Labor arbeiten will. Ich bin froh, dass ich jetzt hier in der Öko-Station als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Tiere etwas tun kann. Das ist das, was mich interessiert. Wir halten zu Hause auch Nutztiere, die vom Aussterben bedroht sind, Schweine, Rinder, Ziegen, Schafe... weil sie in der Massentierhaltung nicht mithalten können, interessiert sich leider kaum mehr jemand für sie.
Katharina Wollschläger: Ich habe Landschaftsnutzung und Naturschutz studiert und dann glücklicherweise hier in der Öko-Station einen Job gefunden. Fledermäuse, aber auch andere gebäudebewohnende Tierarten, brauchen unsere Hilfe. Es passieren oft Dinge, die vermeidbar wären.
Zum Beispiel?
Katharina Wollschläger: Fledermäuse werden oft nicht bemerkt, wenn sie im Dach oder in irgend welchen Ritzen leben. Wenn bei einer Haussanierung plötzlich die Einflugschneisen verschlossen werden, ist nicht nur ein Quartier verloren, es können im Extremfall auch Hunderte Jungtiere sterben. Deshalb schauen wir vor bestimmten Sanierungen oder auch Abriss von Häusern nach Fledermausvorkommen und überlegen gemeinsam mit den Bauherren, was wir tun können.
Tina Kopetzky: Es ist oft Unwissenheit und keine Bösartigkeit. Fledermäuse schlüpfen unter der kleinsten Schindel ins Dach. Häufig weiß man einfach nicht, dass die Tiere da sind.
Was entgegnen Sie dem Argument: Tiere müssen in der Natur allein ohne den Menschen klarkommen?
Tina Kopetzky: Viele Fledermäuse sind – wie wir Menschen auch – ursprünglich Höhlenbewohner. Sie sind uns gefolgt, leben schon lange in und an unseren Behausungen. Wir teilen mit ihnen unseren Lebensraum. Nur für sie wird er jetzt knapp.
Inwiefern?
Katharina Wollschläger: Gebäude werden immer mehr abgedichtet, so dass Fledermäuse dort nicht mehr reinkommen. Es gibt immer weniger alte Bäume mit Höhlen, in denen sie leben können. Ein Problem ist auch das Futter. Durch immer mehr versiegelte Fläche, durch Monokulturen und den Einsatz von Pestiziden gibt es weniger Insekten. Dabei frisst schon eine winzig kleine Zwergfledermaus über tausend Mücken in einer Nacht.
Werden Sie als Fledermaus-Schützer oft belächelt?
Tina Kopetzky: Jein. Das Bewusstsein für Naturschutz ist größer geworden. Die 90er Jahre waren in dieser Hinsicht eine schwierige Zeit, da haben unter anderem die alten Hasen in der Öko-Station viel geleistet. Dennoch gibt es oft noch viel Aufklärungsbedarf.
Wie ist das Fledermaus-Vorkommen im Landkreis Leipzig?
Katharina Wollschläger: Das lässt sich pauschal nicht sagen, es kommt auf die Region an. In Sachsen gibt es derzeit 20 Fledermaus-Arten. Die Artenzahl ist zwar stabil, jedoch nehmen die Individuenzahlen immer mehr ab.
Tina Kopetzky: In Sachsen läuft derzeit ein Monitoring-Programm. Für den Raum Nordsachsen führen wir das gemeinsam mit dem Naturschutz-Institut Leipzig durch. Dabei geht es zum Beispiel darum herauszufinden, wo es das Graue Langohr, die typische Kirchenfledermaus, noch gibt. Und wir stellen fest, diese Tiere sind so gut wie nicht mehr da. Bleibt die Frage: Sind sie nur umgezogen oder ganz verschwunden?
Was wünschen Sie sich für Fledermäuse?
Katharina Wollschläger: Bei jedem Bauvorhaben, auch wenn es nur um den Abriss von einem kleinen Schuppen geht, sollte man auch diese Tiere im Hinterkopf haben. Bei Fragen können uns Interessenten anrufen, wir helfen gerne.
Tina Kopetzky: Für jeden einzelnen von uns sind ganz kleine Schritte möglich. Natürlich ist es schön, wenn jemand Fledermauskästen an seinem Haus anbringt, aber es ist auch schon eine große Hilfe, seinen Garten naturnah zu gestalten. Dies zieht Insekten an und damit Fledermäuse. Das Nahrungsangebot für die Tiere kann so extrem erhöht werden – wenn viele mitmachen. Schöner Nebeneffekt: Man wird nicht von so vielen Mücken gestochen.

Interview: Claudia Carell

Datum: 31.08.2016


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