„Apfelsinen werden geschält, um sie in Plastebecher zu stecken“

Martin Graichen, Geschäftsführer der Ökostation Borna-Birkenhain, zu den größten Müllsünden und was jeder dagegen tun kann

Borna. Gibt es ein Leben ohne Kunststoff und Verpackungsmüll? Wir sprachen darüber mit Martin Graichen, Geschäftsführer der Naturförderungsgesellschaft Ökologische Station Borna-Birkenhain.
Welche Verpackung empfinden Sie als besonders störend oder überflüssig?
Martin Graichen: Die Plasteummantelung von Gurken oder Bioprodukten. Neulich kursierte im Internet ein Bild von geschälten Apfelsinen in Plastebechern. Das sollte uns zu denken geben, da man hier die natürliche Schutzhülle, die Schale, entfernt hat, um diese sinnloserweise durch einen künstlichen Schutz zu ersetzen.
Es gibt zahlreiche Verpackungen, die schlichtweg überflüssig sind. Spätestens seit dem Film „Plastic Planet“ ist bekannt, inwieweit wir abhängig von diesen Stoffen sind. Auch Probleme mit dem Weichmacher Bisphenol A sind nicht unbekannt. Die Schwellenwerte sind noch sehr hoch für derartige Verbindungen, aber das waren sie bei Asbest auch.
Kennen Sie auch gute Beispiele für Verpackungen?
Für einige Anwendungsgebiete ist es unabdingbar, auf Plaste zurückzugreifen. Beispielsweise bei Rohren für Abwasser, diese sind langlebig und äußerst robust. Ebenso sinnvoll sind Brotdosen, weil sie einfach häufig verwendet werden können. Die Langlebigkeit schlägt sich positiv auf den ökologischen Fußabdruck nieder. Aus hygienischen Gründen wird im medizinischen Bereich ebenso Kunststoff verwendet, genauso für Küchenbedarf wie Plastegriffe am Messer oder das Plasteschneidebrett.
Wie wehren Sie sich gegen die Tütenflut beim Einkaufen?
Gute Möglichkeiten sind bekanntermaßen die Stoffbeutel. Oft greife ich auch zu leeren Kartons in den Regalen zurück, um meinen Einkauf sicher nach Hause zu transportieren. Leider fehlt aber meist die Alternative. Beispielsweise kann ich nicht mit meinem Holzfässchen an die Frischkäsetheke gehen, um dieses aufzufüllen. Vielmehr nutzen bekannte Hersteller Plastebecher in Holzoptik, um möglichst natürlich aufzutreten. Ansonsten versuche ich mich weitestgehend von dem von mir erlegten Wild, aber auch selbstgefangenem Fisch zu ernähren sowie mein Gemüse selbst anzubauen, wobei saisonal bedingt ein kompletter Verzicht nicht möglich ist. Die Produkte aus dem Bioladen lassen sich prima in einen Stoffbeutel ohne Plastik und in der benötigten Menge erwerben.
Gibt es ein Leben ohne Kunststoff?
In dem erwähnten Film „Plastic Planet“ hat man Familien rund um den Globus aufgefordert, sämtliche Plasteprodukte aus dem Haus zu räumen. Es war sehr beeindruckend was übrig blieb: fast nichts.
Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, warum die leere Chipstüte in den Papierkorb gehört und nicht auf die Straße oder Wiese?
Aus dem einfachen Grund: Weil die Halbwertzeit, also die Zeit bis eine Tüte vollständig verrottet, sehr lang ist und weil dabei Stoffe freigesetzt werden, die krebserregend und auf andere Weise gesundheitsschädlich sind. Ein Beispiel der direkten Wirkung auf Tiere kann ich kurz erzählen. Ich habe vergangenes Jahr zusammen mit einem Kollegen und der freundlichen Unterstützung der Feuerwehr an einem Gebäude in der Altenburger Straße in Borna einen Mauersegler gerettet, der Reste einer Plasteverpackung als Nistmaterial in den Nistkasten transportierte. Dieser hatte in zehn Metern Höhe an der Fassade gehangen und sich in dem Netz, ähnlich wie die Verpackung von Kartoffeln oder Mandarinen, verfitzt.
Die Plastikinseln in den Weltmeeren nehmen gigantische Ausmaße an. Tiere verrecken qualvoll an Mikro-Kunststoffpartikeln. Ganze Städte und Landschaften versinken im Müll. Sind wir überhaupt noch zu retten?
Ja das denke ich schon. Wir müssen einfach ein Bewusstsein entwickeln und stets für das Thema sensibilisieren. Ein Umdenken muss her. Plaste kann jede Form und Farbe annehmen, lässt sich also wunderbar zu allen möglichen Dingen verarbeiten, einfach schnell und billig, so wie es unsere Generation leider bevorzugt. Spätestens aufgrund der Erdölproblematik und dem Bedarf dieser endlichen Ressource für die Herstellung von Plasteprodukten sind wir gezwungen, diesen zu limitieren.
Was können wir im Kleinen gegen den Verpackungswahn ausrichten?
Spontan fällt mir dazu ein, bewusster einkaufen zu gehen. Einfach auf die Art der Verpackungen achten. Alternativen suchen, Bioläden. Wasser in Glasflaschen kaufen. Brotdose verwenden anstatt auf Alufolie zurückzugreifen. Letztere steht ohnehin in Verdacht Alzheimer auszulösen.
Interview: Kathrin Haase, Leipziger Volkszeitung 14.12.2016

Datum: 2016-12-16


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